Gestern mit Jutta “Rimuski” im Konzerthausableger von brut (lustig übrigens, daß es bereits jetzt so wirkt, als sei brut schon seit 2 Dekaden in Wien, aber dazu vielleicht später mal mehr). Ein seltsamer Bastard an Stück, kreiert von zwei Katalanen und für die jeweilige Umgebung, sprich Stadt, adaptiert. Für mich als bedingungslosen Wienaficionado sowieso Pflicht: sobald im Text von “geographischen Geheimnissen” oder “urbaner Safari” die Rede ist – I’m totally there. Was geboten wurde fällt leider, gemessen an so ziemlich sämtlichen Versprechen der Ankündigung, unter Themenverfehlung allererster Güte. Was es sein sollte: eine Stadt, unsere Stadt, aus Perspektive von (echten, ergo nichtschauspielenden) Taxifahrern, in diesem Falle 5 Schwarzafrikaner aus Nigeria (meines Wissens nach die größte afrikanische Zuwanderungsgruppe). Ihren Zugang zu Wien sollten sie aufzeigen, uns “Orte der Fantasie” darlegen, die Teil einer möglichen “Stadt der Zukunft” sein könnten. Oder so.
Was es war: ein mittelmäßig geglückter, multimedial aufbereiteter erster Teil: Taxizentralentelefonistin telefoniert mit 3 oder 4 der Fahrer, die sich an für sie persönlich wesentlichen Punkten der Stadt befinden (erstes Studentenheim, erste Wohnadresse, erster Studienplatz) und ein bisschen darüber plaudern, wie wann warum sie nach Wien kamen. Begleitet werden die Gespräche von Google-Earth-Animationen, Live-Updates zu den jeweiligen Positionen der Fahrer und dergleichen, alles großprojeziert auf eine Art Plastikverhang, der die Bühne verdeckt. Dann: Vorhang auf, ein großer schwarzer Mann sitzt in einer rudimentär aufgebauten Taxizentrale, beginnt zu erzählen. Über sich, sein Leben, seine Familie, wie er nach Wien kam. Ein weiterer Mann betritt die Bühne, man beginnt zu realisieren, daß nun nach und nach die bislang nur als Stimmen bekannten Taxifahrer beim Konzerthaus eintreffen. Bis dann schliesslich alle fünfe zusammentreffen vergeht ein bisschen Zeit mit ein bisschen Plausch, man führt ein bissi Schmäh über sich und andere, trinkt Kaffee, reisst Geschichten und Lebenszugänge an, wird unterbrochen, erzählt was anderes, lässt es dann doch sein.
Alles sehr nett, wirklich sehr nett und unterhaltsam, allesamt lustige, spannende, interessante Typen die sich da versammelt haben; erfrischend auch für mein Krisenabgestumpftes Kleinhirn, daß kein einziges Mal die Rede von der Lage in Nigeria die Rede war, selbst der Alltagsrassismus in Österreich wurde eher belächelt als angeprangert, wobei ich das Gefühl hatte, daß das durch Souveränität ermöglicht wurde und keineswegs aus einer resignativen Haltung enstand. (Was ein sehr schönes Gefühl ist, wie ich grad draufkomme.)
So ging’s dahin und ging auch nirgendwo hin und das war schon gut so. Am Ende wurde dem Publikum noch eine Gratisheimreise angeboten, quasi um das Gehörte noch zu vertiefen. Ich bin ja mitunter ein recht eifriger Taxifahrerkonversationsführer, zugegebenermaßen lieber mit Ausländern als mit Inländern, und immerhin bekam ich um schlappe 12.- (mit Jugendbonus, harhar) gleich 5 Taxlergeschichten innerhalb von knapp 70 Minuten geboten, heimgefahren sind wir aber dann mit unserem Auto. Man muss es ja nicht übertreiben.
Grosses Staunen auch beim europäischen Gastspiel von TV Morrinho, einer Gruppe von Favela-Kids die ihre Realitätsflucht auf ganz archaisch-charmante Weise inszenieren…man nehme ausgehöhlte Ziegelsteine, Zimmerpflanzen, Legosteine, diverses Plastikspielzeug, gibt dem ganzen Farbe, Namen und Struktur und fertig ist der improvisierte Favelaspielplatz der ausschliesslich sich selber und seine EinwohnerInnen zum Inhalt hat. Da wird gelabert, getrunken, geballert und geflirtet, am Abend gibt’s Baile Funk und tagsüber korrupte Cops mit denen man sich rumärgern muss. So entspinnt sich eine vielleicht simpel gestrickte aber mit zunehmender Dauer überraschend vereinnahmende Geschichte, dargestellt von Lego-Maxerl, die ganz bochn bewegt und mit schrillen Stimmen (think South Park oder SNL’s Mr. Bill) vertont und deren Handlungen mitgefilmt und quasi-live inszeniert werden (mit doch recht erstaunlichen Ergebnissen) Dazwischen dann MC Malquinho der irgendwas vor sich hinsingt, wahrscheinlich über die Gangs, das Leben, seine Familia und ein Mädchen. Nicht unbedingt in der Reihenfolge. A bittersweet slice of life.
Letzterer trat dann noch im bar brut deluxe auf, sinnigerweise aber erst eine gute Stunde nach Ende der Vorstellung, was weder mich noch meine MitstreiterInnen sonderlich motivierte, noch dazu weil Sonntag und arbeiten und so weiter.
Gelungener Abend, gelungene Geschichte, die wohl einiges an tiefergehender Recherche verdienen würde, zu der mir aber Muße, Zeit und zugegebenermaßen auch Interesse fehlt. Daß nun TV Morrinho mittlerweile zum veritablen NGO, Filmproduktionshaus und Jugendzentrum avanciert ist ist zwar unbestritten grossartig und wichtig und whatnot aber spielt in meiner Realität, ganz zynisch betrachtet, keinerlei Rolle. Die Gewitztheit, das unbestrittene Talent und der Charme der jungen Akteure dagegen umso mehr.
Fragwürdig für mich allerdings der komplette Grundzugang der Festwochen zu dieser Geschichte. Ohne den ersten Teil der Aufführung gesehen zu haben fehlt mir natürlich der Vergleich, der mich vielleicht sicher macht, soll heissen die Begründung, warum das so und in diesem Rahmen stattfand.
Strassentheater gehört auf die Strasse, sonst wird es zum musealen Ausstellungsobjekt, und ein bisschen kam mir das gestern so vor: Zurschaustellung. Allein der gelackte Übersetzungsverantwortliche der durchaus professionell, aber eben wie ein aufgegeilter Ethnologe der seine Specimens präsentiert, die Einführung leitete, stiess mir übel auf, sicher auch weil er sich dann direkt hinter mir hinplatzierte und natürlich die halbe Vorstellung mit seinem sichtlich angeheiterten Kollegen labern musste…vielleicht war er der einzig Português-sprechende unter all den brutigen Theaterdeutschen.
Jedenfalls fühlte ich mich seltsam eingesperrt, in Reih und Glied gezwängt. Lieber hätte ich herumgehen wollen, bissi interagieren, fragen, anfassen, probieren. Warum nicht das Ganze nach draussen verlegen, in einen Park, einen Gürtelkäfig, wo’s niederschwellig fungieren kann? Warum nicht mit der besten Stadtzeitung Wiens kooperieren, einen kleinen Workshop im Favela-Nachbauen anbieten…Abbilder der Hood, Dein Block aus (Lego)Blocks, so in der Art. Interessant eigentlich, daß sowas nicht beim Into The City findet, wo’s eigentlich hingehört. Ich spare mir das Fingerzeigen und danke hiermit, das soetwas überhaupt den Weg nach Wien findet.